Wer an das Mittelmeer denkt, denkt selten an außergewöhnliche Unterwasserwelt. Zu Unrecht. Gozo ist eines jener seltenen Tauchziele, das nicht nur mit Geologie beeindruckt — spektakuläre Höhlen, Wracks, Tunnelsysteme — sondern auch mit einer überraschend artenreichen Tierwelt, die viele Taucher schlicht nicht erwartet haben. Von neugierigen Kraken bis hin zu majestätischen Meeresschildkröten: Was dich unter der Wasseroberfläche erwartet, ist jedes Mal ein kleines Abenteuer.
Das Mittelmeer und Gozo: Warum hier so viel lebt
Wasserqualität und Sichtweite als Lebensgrundlage
Gozo profitiert von einer außergewöhnlichen Wasserqualität. Die Sichtweiten erreichen je nach Jahreszeit und Tauchplatz bis zu 40 Meter — ein Wert, den viele tropische Ziele nicht übertreffen. Dieses klare, nährstoffreiche Wasser bildet die Grundlage für ein vielfältiges marines Ökosystem. Dazu kommt die felsige Küstenstruktur der Insel: Unterwasserhöhlen, Steilwände, Sandflächen und Posidonia-Seegraswiesen schaffen eine Vielzahl unterschiedlicher Lebensräume (Habitate), die wiederum unterschiedliche Tiergemeinschaften anziehen und beherbergen.
Saisonale Unterschiede: Was du wann siehst
Die Unterwasserwelt in Gozo verändert sich mit den Jahreszeiten. Im Frühling und Frühsommer laichen Tintenfische und Sepien — die flachen Zonen zwischen fünf und zehn Metern sind dann besonders lebendig. Im Sommer steigen die Wassertemperaturen auf bis zu 26 Grad, Jungfische bevölkern die Riffe und erste Barrakuda-Schwärme zeigen sich. Im Herbst, besonders von September bis November, sind die Bedingungen für erfahrene Taucher am besten: größere Zackenbarsche, dichte Fischschwärme und vereinzelte Begegnungen mit dem Mondfisch. Im Winter hingegen werden Muränen und Kraken besonders aktiv — ruhiges, klares Wasser und weniger Taucher machen diese Jahreszeit zu einem Geheimtipp.
Fische: Die häufigsten Begegnungen beim Tauchen in Gozo
Schulterblatt bis Riff: Alltagsbegegnungen
Wer in Gozo abtaucht, trifft vom ersten Meter an auf Leben. Goldbrassen (Sparus aurata), Meerbarben (Mullus surmuletus) und die bunten Lippfische (Labridae spp.) gehören zu den verlässlichsten Begleitern an Felsriffen. In flacheren Bereichen zwischen fünf und fünfzehn Metern begegnen dir regelmäßig Sägebarsche, Schriftbarsche und gelegentlich der auffällige Papageienfisch — ein Anblick, den viele Taucher erst im Roten Meer erwartet hätten, nicht im Mittelmeer.
Die Highlights: Begegnungen, die man nicht vergisst
Die wirklich unvergesslichen Momente liegen oft an den tieferen Steilwänden und Außenriffen. Barrakuda-Schwärme (Sphyraena viridensis) — manchmal aus hunderten von Tieren bestehend — patrouillieren vor allem an Plätzen wie Reqqa Point und dem Azure Window-Areal. Der Zackenbarsch (Epinephelus marginatus) ist einer der charismatischsten Bewohner der Unterwasserwelt Gozos: territorial, neugierig und oft erstaunlich groß. Erfahrene Taucher finden ihn regelmäßig in Höhlen und unter Felsüberhängen.
Eine seltene, aber absolut magische Begegnung ist der Mondfisch (Mola mola) — ein kugelrundes, scheibenförmiges Tier, das im Spätsommer gelegentlich in offenen Gewässern gesichtet wird und Taucher sprachlos zurücklässt.
Bodenbewohner: Wer sich tarnt
Nicht alles auf dem Meeresgrund ist ein Stein. Plattfische, Rochen und vor allem der Drachenkopf (Scorpaena scrofa) meistern die Kunst der Tarnung auf beeindruckende Weise. Letzterer sitzt regungslos zwischen Felsen und Algen und ist oft erst auf den zweiten — oder dritten — Blick erkennbar. Ähnlich verhält es sich mit dem Zitterrochen (Torpedo torpedo), der häufiger in sandigen Bereichen anzutreffen ist als viele denken, bei respektvollem Abstand aber absolut kein Sicherheitsrisiko darstellt.
Kopffüßer: Tintenfisch, Krake und Sepia
Unter all den Tieren, die Taucher in Gozo begeistern, nehmen die Kopffüßer eine Sonderstellung ein. Der Gemeine Krake (Octopus vulgaris) ist intelligent, neugierig und — wenn man sich ruhig verhält — erstaunlich zutraulich. Er lugst aus Felsspalten hervor, wechselt in Sekundenschnelle die Farbe und Textur seiner Haut und beobachtet Taucher genauso aufmerksam, wie diese ihn beobachten.
Die Sepia (Sepia officinalis) beeindruckt mit hypnotischen Farbwellen, die über ihren Körper laufen — ein Schauspiel, das selbst routinierte Taucher immer wieder fasziniert. Im Frühling tauchen Sepien oft in Gruppen auf, wenn sie zum Laichen in flache Gewässer kommen. Der Gemeine Kalmar (Loligo vulgaris) hingegen ist ein Nachtjäger — wer ihn erleben möchte, sollte einen Nachttauchgang einplanen, bei dem Schwärme von Kalmaren im Scheinwerferlicht auftauchen.
Tipp aus der Praxis: Langsame, gleichmäßige Bewegungen und kein abrupter Lichtschock — dann kommen Kraken und Sepien tatsächlich auf dich zu.
Wirbellose Tiere: Das bunte Leben auf dem Meeresgrund
Stachelhäuter und Weichtiere
Der Meeresboden rund um Gozo ist alles andere als leer. Seeigel (Paracentrotus lividus) sitzen in Felsspalten und auf Felsvorsprüngen — beim Einstieg ins Wasser, besonders an felsigen Tauchplätzen, unbedingt auf sie achten. Seesterne (Echinaster sepositus) leuchten in sattem Rot zwischen fünf und zwanzig Metern Tiefe und gehören zu den fotogensten Motiven der Unterwasserwelt. Die Languste (Palinurus elephas) schließlich ist ein nachtaktiver Bewohner tiefer Überhänge — scheu, elegant und in Gozo streng geschützt.
Korallen, Schwämme und Seegras
Die Wände der berühmten Cathedral Cave in Gozo tragen ihre charakteristische Orangefärbung nicht zufällig: Dichte Schwammkolonien — gelbe, orangefarbene und purpurfarbene Schwämme verschiedener Arten — überziehen die Felsen und schaffen eine Atmosphäre, die an tropische Korallenriffe erinnert. In tieferen Bereichen ab etwa zwanzig Metern beginnt das Reich der Roten Edelkoralle (Corallium rubrum) — langsam wachsend, wertvoll und schützenswert.
Die Posidonia-Seegraswiesen in flacheren Zonen sind keine bloße Dekoration: Sie sind Kinderstube, Versteck und Nahrungsquelle für Dutzende von Fischarten und gelten als einer der wichtigsten Lebensräume im gesamten Mittelmeer.
Meeressäuger und große Tiere: Seltene, aber mögliche Begegnungen
Manche Begegnungen kann man nicht planen — man kann nur hoffen, Glück zu haben. Delfine (Delphinus delphis, Tursiops truncatus) werden in den Gewässern rund um Gozo regelmäßig gesichtet, meist an der Oberfläche bei Bootsfahrten. Begegnungen unter Wasser sind selten, aber dokumentiert — und gehören zu den emotionalsten Erlebnissen, die Taucher berichten.
Die Unechte Karettschildkröte (Caretta caretta) ist die häufigste Meeresschildkröte im Mittelmeer und taucht gelegentlich an Plätzen wie dem Blue Hole oder der Inland Sea auf. Wer ihr begegnet, sollte einen respektvollen Abstand halten, keinen Blitz verwenden und die Schildkröte keinesfalls anfassen oder aufscheuchen — ein ruhig parallel schwimmender Taucher wird oft einfach ignoriert, und man kommt ihr näher, als man es je erwartet hätte.
Haie sind im Mittelmeer vorhanden, bei Gozo jedoch extrem selten und stellen keinerlei Sicherheitsrisiko dar. Wer das Meer ohne Schaum im Mund taucht, hat hier schlicht nichts zu befürchten.
Tauchen nach Tiefe: Was dich wo erwartet
Die Artenvielfalt in Gozo verteilt sich nicht gleichmäßig — sie verändert sich mit der Tiefe:
| Tiefe | Typische Begegnungen |
|---|---|
| 0–10m | Lippfische, Seeigel, Seegraswiesen, Jungfische, Sepia beim Laichen |
| 10–20m | Zackenbarsch, Muräne, Krake, leuchtende Seesterne, Schwammkolonien |
| 20–35m | Barrakuda-Schwärme, Languste, Rote Edelkoralle, Großer Sägebarsch |
| 35m+ | Territoriale Zackenbarsche, saisonaler Mondfisch, Rote Edelkoralle in voller Pracht |
Für Tauchgänge unter dreißig Meter empfehlen wir den SSI Advanced Kurs oder den Deep Specialty Kurs — nicht nur aus Sicherheitsgründen, sondern weil du mit dem richtigen Training diese Zonen wirklich auskosten kannst, statt sie nur kurz zu streifen.
Verhaltensregeln bei Tierbeobachtungen unter Wasser: Was kaum ein Artikel erklärt
Viele Ratgeber listen auf, was man sieht. Kaum einer erklärt, wie man sich dabei verhält — dabei macht genau das den Unterschied zwischen einer flüchtigen Begegnung und einem unvergesslichen Moment.
Beim Zackenbarsch: Nicht frontal anvisieren. Direkter Blickkontakt wird als Bedrohung interpretiert. Seitlich annähern, ruhig bleiben — dann kommt er oft von sich aus näher.
Beim Kraken: Niemals den Arm in eine Felsspalte strecken, auch wenn er dort sitzt. Lass ihn auf dich zukommen — das tut er, wenn er Vertrauen fasst.
Beim Drachenkopf: Die Rückenflossen sind giftig. Niemals anfassen, auch wenn er sich nicht bewegt. Erkennbar an der unregelmäßigen, steinartigen Hautstruktur — wer genau hinschaut, entdeckt ihn.
Bei der Meeresschildkröte: Kein Aufholen, kein Anfassen, kein Blitzlicht. Ruhig parallel schwimmen in etwas Abstand — Schildkröten sind neugierig und kommen bei Ruhe oft selbst näher.
Bei der Languste: In Gozo steht sie unter Naturschutz. Beobachten ist ausdrücklich erlaubt und sehr empfehlenswert — anfassen oder mitnehmen dagegen absolut nicht.
Aus unserem Tauchzentrum wissen wir: Wer sich ruhig verhält und die Tiere auf sich zukommen lässt, erlebt mehr als jeder, der hinterherläuft. Das gilt für Anfänger genauso wie für Profis.
Wer die Unterwasserfotografie noch einen Schritt weiterführen möchte, findet bei unserem Unterwasserfotografie-Kurs das nötige Handwerkszeug — von Lichtführung über Motivwahl bis hin zur richtigen Annäherungstechnik.
Häufige Fragen zur Unterwasserwelt in Gozo
Gibt es Haie beim Tauchen in Gozo?
Haie kommen im Mittelmeer vor, sind bei Gozo jedoch extrem selten und stellen kein Sicherheitsrisiko dar. In all unseren Jahren als Tauchzentrum auf Gozo hat kein Gast je eine bedrohliche Begegnung gemeldet.
Sind Begegnungen mit Meeresschildkröten häufig?
Nicht täglich, aber auch nicht ungewöhnlich. Die besten Chancen bestehen an ruhigeren Tauchplätzen wie der Inland Sea oder dem Blue Hole — besonders in den Morgenstunden.
Welche Tiere sieht man beim Nachttauchen in Gozo?
Nachts werden Kraken, Langusten und Kalmarschwärme besonders aktiv. Auch Muränen verlassen ihre Reviere und sind in offenerem Wasser zu beobachten. Nachttauchgänge zeigen eine völlig andere Seite der Unterwasserwelt.
Ist die Unterwasserwelt in Gozo gefährlich?
Nein — solange man die Tiere respektiert und nicht anfasst. Der Drachenkopf ist giftig, aber passiv. Zitterrochen und Muränen reagieren nur bei direkter Störung. Mit ruhigem Verhalten gibt es kein Tier in Gozos Gewässern, das eine echte Gefahr darstellt.
Welche Tiere stehen in Gozo unter Schutz?
Langusten, Meeresschildkröten und Delfine genießen besonderen Schutz. Das Entnehmen von Lebewesen, Korallen oder Muscheln aus dem Meer ist in Malta grundsätzlich verboten.
Kann ich als Anfänger dieselben Tiere sehen wie ein Fortgeschrittener?
Viele der schönsten Begegnungen — Kraken, Sepien, Seesterne, Zackenbarsche — passieren zwischen fünf und fünfzehn Metern. Als absoluter Einsteiger erlebst du mit unserem Schnuppertauchen bereits die artenreichsten Zonen der Unterwasserwelt Gozos.




